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Woher kommt mein Gemüse? Eine Reise durch Spaniens Plastikmeer

Der Sommer in Deutschland neigt sich langsam dem Ende zu. Die letzten Früchte aus dem heimischen Gemüsebeet wurden bereits gepflückt und die Wein- und Apfelernte bricht an. Und obwohl die meisten diese Ereignisse mitbekommen, ist es schwer, sie mit den gefüllten Supermarktregalen in Verbindung zu bringen. Du hast die letzte Paprika in deinem Beet bereits vor vielen Wochen gepflückt, aber im Supermarkt findest du noch immer jede Menge davon – wie kann das sein und wo kommen sie eigentlich her? Ich nehme euch mit auf eine kleine Zeitreise, die beim Import der ersten Südfrüchte beginnt und im heutigen Spanien endet.

Willkommen in Almería

Im Juli sind wir auf unserer Route entlang der spanischen Südküste in die Region Almería gelangt. Sie befindet sich ganz im Südosten des Landes, mitten in einer trockenen Wüstenlandschaft. Wir hatten zum Glück bereits vom „Plastikmeer Spaniens“ gehört und waren einigermaßen darauf vorbereitet, aber was wir dort gesehen haben, war wirklich unbeschreiblich. Wir alle haben schon mal ein Gewächshaus gesehen. Die Gewächshäuser in Almería sind jedoch kaum noch als solche zu erkennen, so groß und so dicht aneinander gebaut erstrecken sie sich unendlich weit in alle Himmelsrichtungen. Die riesigen Felder sind wortwörtlich mit Plastik überzogen. Abgesehen von steilen Felswänden, die nicht bewirtschaftet werden können, sieht man kaum einen Fleck, der nicht in Plastik eingewickelt ist. Dazwischen tauchen immer wieder die großen Hallen der Lebensmittel-Konzerne auf. Unzählige LKWs begleiten uns auf den gut ausgebauten Straßen in Richtung Deutschland. Die Gegend ist so grotesk, dass wir unbedingt mehr darüber erfahren mussten.

Plastikmeer in Spanien: Überall Gewächshäuser

Die Verfügbarkeit von Lebensmitteln

Paprikas im Winter sind heute völlig normal. Wir als Verbraucher erwarten die Verfügbarkeit aller bekannten Lebensmittel zu jeder Jahreszeit. Und zusätzlich darf es gerne auch immer wieder mal etwas Neues sein, eine exotische Frucht, die wir in Deutschland noch nie gesehen haben, oder etwas, das gesünder als das regionale Pendant zu sein scheint.

Es ist noch gar nicht so lange her, da war das Lebensmittelangebot bedingt durch deren Verfügbarkeit. Es wurde das gegessen, was gerade reif war, Überschüssiges wurde für den Winter eingekocht. Der Speiseplan war überschaubar.

Wie die Südfrüchte nach Deutschland kamen

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurden in Deutschland erstmals Südfrüchte verkauft. Dabei handelte es sich vorrangig um Orangen aus Spanien und Zitronen aus Italien. Laut dem Frucht-Importeur Atlanta kamen 1908 die ersten Bananen in Bremen an, der Import brach in den folgenden Jahren aber durch die beiden Weltkriege wieder ein. 1957 erkämpfte Konrad Adenauer Zollfreiheit für deutsche Bananenimporte. Diese politische Entscheidung hatte dazu geführt, dass Bananen bereits in den 60er Jahren zu einem bezahlbaren Luxusgut wurden.

Um 1970 wurden erstmals Kiwis, Mangos und Avocados in Deutschland vorgestellt. Aber auch Paprika und Auberginen wachsen nicht seit jeher in Deutschland, sondern wurden erst in den 70er Jahren importiert. Die Aubergine stammt ursprünglich aus Asien, wo sie bereits seit 4000 Jahren angebaut wird. Seit dem 15. Jahrhundert ist sie auch in Italien bekannt. Aufgrund der klimatischen Bedingungen können Auberginen in Deutschland nicht wirklich angebaut werden. Angeblich gibt es nur einen einzigen deutschen Großproduzent, der Auberginen in Gewächshäusern in Brandenburg anbaut. [Quelle]

Die ganzjährige Verfügbarkeit von Obst und Gemüse gibt es übrigens erst seit den 90er Jahren. Das ist nur möglich, da nahezu alle Sorten von den unterschiedlichsten Orten der Welt importiert werden. [Quelle]

Plastikmeer Spanien: Südfrüchte gibt es in Deutschland noch gar nicht so lange zu kaufen

Was diese ganzjährige Verfügbarkeit für uns bedeutet

Diese ständige Verfügbarkeit von Obst und Gemüse macht es uns schwer zu erkennen, wann diese in Deutschland Saison haben und wann nicht. Erschwerend kommt hinzu, dass auch saisonales Obst und Gemüse oft zusätzlich aus dem Ausland kommt. Man muss beim Einkauf, egal ob im Supermarkt, im Biomarkt oder auf dem Wochenmarkt, schon sehr aufpassen, wenn man regional einkaufen möchte. Während es auf dem Wochenmarkt noch recht einfach ist, nach der Herkunft zu fragen, müssen wir im Supermarkt des öfteren die Verpackungskisten anheben, um das Kleingedruckte auf dem Etikett lesen zu können.

Almería: Fluch oder Segen?

Und dort ist als Herkunftsland in vielen Fällen Spanien angegeben. Ein Großteil des Obst und Gemüses in deutschen Supermärkten stammt von dort, sowohl bio als auch nicht-bio. Und mit Spanien ist in den allermeisten Fällen die Region Almeria gemeint, das Plastikmeer.

Seit den 60er Jahren werden dort große Plastikplanen genutzt, die ursprünglich das Gemüse vor Wind schützen sollte. Mit der Zeit entstanden daraus riesige Gewächshaus-Landschaften, deren Planen und Folien alle drei bis vier Jahre ersetzt werden müssen. Anscheinend sind die Agrarkonzerne bemüht, die Planen ordentlich zu recyceln, da sie für die Wertstoffe bezahlt werden. Aber unser Eindruck war, dass diese Bemühungen in Relation zu der unfassbaren Menge an Plastik nicht ausreichen. Der Straßenrand war gesäumt von bunten Fetzen, die im Wind wehten.

Plastikmeer Spanien: In dieser kargen Landschaft wird unser Gemüse angebaut

Aufgrund der vielen Sonnenstunden eignet sich der Standort optimal als Anbaufläche. Einziger Nachteil ist das fehlende Wasser. Wie bereits oben angesprochen, ist die Region sehr trocken. Das Wasser zur Bewässerung der Plantagen stammt größtenteils aus Meerwasserentsalzungsanlagen. Bei der Entsalzung entsteht Salzlauge, also extrem salziges Wasser. Zu der Salzlauge werden unterschiedliche Chemikalien und Schwermetalle hinzugefügt, um die Anlage vor Verstopfungen zu schützen. Die angereicherte Salzlauge wird aus den Anlagen entweder zurück ins Meer oder in andere Gewässer abgeführt. Durch den hohen Salzgehalt und die Schafstoffe, die sie enthält, kann sie die Wasserlebewesen nachhaltig schädigen. Zusätzlich benötigt der Betrieb dieser Anlagen sehr viel Energie. [Quelle]

Gewächshäuser verlangsamen den Klimawandel

Ein hoher Wasser- und Energieverbrauch, viel Plastik und wenig Natur. Auf den ersten Blick scheint es, als sei dieser Fleck Erde für immer verloren. Aber bekanntlich hat ja alles zwei Seiten und wenn man etwas genauer hinsieht, stößt man auf Argumente, die die landwirtschaftliche Nutzung von Almería in einem anderen Licht erscheinen lassen.

Ich lese von Tröpfchenbewässerung für einen extrem reduzierten Wasserverbrauch, von einer weniger starken Klimaerwärmung durch die reflektierenden Eigenschaften der weißen Planen und von Insekten, die die Pflanzen vor Schädlingen schützen. 10 Prozent der Betriebe in Almería sind Bio-zertifiziert, weitere Betriebe achten ebenfalls auf einen nachhaltigen Anbau, da dieser in vielen Aspekten auch günstiger und effizienter ist. So sei zum Beispiel der Schädlingsschutz durch nützliche Insekten deutlich preiswerter als die Nutzung von Pestiziden, weshalb diese in Almería laut Aussage einer Betriebsinhaberin kaum zum Einsatz kommen. [Quelle]

Der Selbstversorgungsgrad in Deutschland

Inwieweit Deutschland in der Lage ist, sich selbst zu versorgen, wurde zu Beginn der Corona-Krise immer wieder diskutiert. Laut einer Erhebung des Bundesinformationszentrum Landwirtschaft beträgt der Selbstversorgungsgrad für Gemüse gerade einmal 35,7 Prozent, für Obst sind es sogar nur 22,4 Prozent. Würde Deutschland sich selbst versorgen wollen, müssten sich sowohl die Anbaubedingungen als auch das Ernährungsgewohnheiten der Bevölkerung also sehr verändern [Quelle].

Ende der 80er Jahre konnte die DDR 89 Prozent ihrer Basisernährung selbst produzieren. Dazu zählten Äpfel, Kohl und Möhren. Was Deutschland übrigens aktuell im Überfluss produziert, sind Fleisch, Milch, Kartoffeln und Zucker. Auch die Nachfrage nach Getreide kann fast vollständig in Deutschland gedeckt werden. Eine regionale Ernährung wäre in Deutschland also eventuell möglich, sie würde aber nicht unbedingt gesund, geschweige denn abwechslungsreich aussehen.

Regional neu definieren

Dass ganz Deutschland ausschließlich lokal angebautes Obst und Gemüse isst, kann man bei den aktuellen Bedingungen wohl ausschließen. Ich bin mir aber ziemlich sicher, dass sich bald neue Lösungen auftun. Bis es so weit ist, erscheint mir die Lösung, wie sie in Almería vorherrscht, als gar nicht so schlecht. Dass bei Almería dieses Plastikmeer entstanden ist, sieht natürlich nicht schön aus und macht die karge Landschaft noch lebensfeindlicher. Aber gleichzeitig ist der zentrale Anbau und die Logistik um einiges effizienter als wenn die großflächigen Anbaugebiete über ganz Europa verteilt wären. Zusätzlich würden wir wahrscheinlich deutlich mehr Lebensmittel aus Übersee importieren müssen. Denn nur mit Kohl und Äpfeln würden sich voraussichtlich nur die wenigsten zufriedengeben.

Da in Deutschland und allen anderen europäischen Ländern, in denen ein kühleres Klima als in Spanien herrscht, nicht alles angebaut werden kann, was wir gerne essen, müssen wir auf Importware zurückgreifen. Und in diesem Fall finde ich es deutlich besser, wenn meine Paprika aus Spanien als aus Marokko oder von noch weiter her kommt. Nicht nur sind die Transportwege von Spanien nach Deutschland deutlich kürzer, sondern auch die Arbeits- und Anbaubedingungen durch die EU besser geregelt als im nicht-europäischen Ausland. Das tut der Natur gut und auch uns selbst, indem wir zum Beispiel keine Pestizide zu uns nehmen, die in Europa verboten sind.

Ich möchte einladen, den Begriff der Regionalität etwas weiter zu denken. Denn eine Region wird schließlich nicht durch eine Landesgrenze abgesteckt. Natürlich ist es eine tolle Vorstellung, wenn unsere Lebensmittel direkt vor der Haustüre wachsen würden. Aber wir müssen akzeptieren, dass jede Obst- und Gemüsesorte unterschiedliche Ansprüche an Klima- und Bodenbedingungen stellt. Und genau das macht unseren Kontinent doch besonders!

Worauf wir beim Einkauf achten

Unsere Kriterien beim Gemüseeinkauf sind biologischer Anbau, Lokalität und Saisonalität. Am leichtesten fällt es uns deshalb, auf Wochenmärkten einzukaufen, weil wir dort unsere Lebensmittel im besten Fall direkt vom Erzeuger bekommen und Fragen stellen können. Ganz nebenbei ist es auf Märkten auch viel einfacher, unverpackt einzukaufen.

Wir achten darauf, dass möglichst alles, was in unserem Einkaufskorb landet, aus dem Land stammt, in dem wir uns gerade aufhalten. Obst und Gemüse, das nicht aus Europa stammt, kaufen wir eigentlich nie. Das bedeutet natürlich, dass wir schon ziemlich lange keine Bananen mehr gegessen haben. Umso mehr freuen wir uns, als wir in der Algarve einen Bauern kennenlernten, der Bananen von seinem Hof nebenan verkaufte.

Natürlich ist das nicht immer möglich, vor allem, wenn wir uns nicht in Südeuropa aufhalten. Aber auch im Süden ist es nicht selbstverständlich, dass das, was dort verkauft wird, nicht auch importiert wird. Also wir vor ein paar Tagen im italienischen Supermarkt Paprikas aus Polen angeboten bekamen, haben wir uns stattdessen lieber für eine lokale Aubergine entschieden.

Wir richten uns bei unserer Nahrung nach dem Angebot vor Ort. Das heißt für uns dann manchmal auch, dass wir etwas, worauf wir gerade Lust hätten, liegenlassen, weil der weite Transportweg bei uns einen bitteren Beigeschmack verursachen würde. Für uns bedeutet das aber keinen Verzicht, sondern ganz im Gegenteil. Indem wir unsere Nahrung bewusst konsumieren, erfahren wir erst die Fülle, die uns ein Land bietet. Und indem wir immer wieder in neue Länder reisen, sorgen wir für ausreichend Abwechslung.

Fünf Tipps für einen regionalen Einkauf

  1. Eigenes Obst und Gemüse anbauen oder andere bei der Ernte zu unterstützen hilft, ein Verständnis für die unterschiedlichen Bedürfnisse der Pflanzen zu schaffen.
  2. Im Supermarkt auf den Etiketten das Herkunftsland checken.
  3. Ein Blick in den Saisonkalender werfen, um zu lernen, wann was geerntet wird.
  4. Lebensmittel aus dem nicht-europäischen Ausland vermeiden.
  5. Rezepte auf die aktuelle Saison anpassen. Wer im Herbst Zucchini zubereiten möchte, kann es stattdessen auch mit Kürbis versuchen.

Was hältst du von der intensiven landwirtschaftlichen Nutzung der Region? Achtest du beim Einkauf auf die Herkunft deiner Lebensmittel? Teile gerne deine Meinung, Fakten oder Tipps mit uns!

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